9.10 Zur Zusage Jesus Christi stehen

 

A-5F-Predigt 21./22.3.26

Ez 37, 12b–14 – Joh 11, 1–45

 

Liebe Gemeinde,

Vielleicht sagen Sie jetzt: „Das war gnädig, dass wir sitzen konnten. Zu so einem langen Text zu stehen, das wäre eine Zumutung.“ Ich sage: Vielleicht war es barmherzig. Doch sinnvoll war es nicht. Das Stehen im Gottesdienst symbolisiert ja die Auferstehung. Christen sollen zur Zusage Jesu stehen: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben.“ Die Frage, die Jesus der Marta stellt, gilt auch uns: „Glaubst du das?“

Fast die Hälfte der Christen glaubt das nicht. Nach der letzten Kirchenmitgliedschaftsunter-suchung sagen nur 23 %: „Ich glaube an ein Leben nach dem Tod.“  Marta antwortet: „Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll.“ Zwei Drittel der Kirchenmitglieder glauben auch das nicht. Nur 19 % der Gesamtbevölkerung sagt: „Ich glaube, dass es einen Gott gibt, der sich in Jesus Christus zu erkennen gegeben hat.“ -- Was glauben Sie?  

Der Kern des christlichen Glaubens ist heute nicht mehr selbstverständlich. Immer öfter sagen mir Eltern von Erstkommunionkindern: „Die Erzählung von der Kreuzigung Jesu kann man Kindern nicht zumuten.“ Ich frage mich: „Soll ihnen auch die Auferstehung Jesu keinen Mut machen? Kann man ihnen die Eucharistie dann zumuten? Die Feier von Jesu Leben, Leiden, Sterben und Auferstehen? Die Feier der Gemeinschaft mit Gott in seinem Sohn Jesus Christus?“ 

Ich verstehe, dass Eltern ihre Kinder bewahren wollen vor Leid, vor Not und vor allem vor dem Tod. Doch ganz ehrlich: Selbst die besten Eltern können das nicht. Als Menschen stehen wir immer wieder mit leeren Händen da. Erst recht, wenn ein lieber Mensch stirbt. Am liebsten würde ich den Eltern sagen: „Sie belügen Ihr Kind, wenn Sie ihm die heile Welt vorgaukeln.“ Kinder erleben doch die harte Realität von Leid und Not. Viele erleben Mobbing und Leistungsdruck. Eltern trennen sich. Geschwister werden schwer krank, die Oma stirbt. Und auch die Nachrichten von Blutvergießen und Krieg gehen an Kindern nicht vorbei. 

Wer ihnen die heile Welt vorgaukelt, belügt sie. Wer Kindern das Kreuz Jesu vorenthält betrügt sie um die Zuversicht des christlichen Glaubens; dass Leid und Tod nicht das letzte Wort haben; dass uns am letzten Ende Gott nicht fallen lässt. In der Taufe ist uns das zugesagt. In der Eucharistie feiern wir das. -- Die Frage ist: „Glaubst du das?“ 

In den ersten Jahrhunderten wurden Erwachsene in der Osternacht getauft. Sie haben sich drei Jahre lang auf ihre Taufe vorbereitet. In der Fastenzeit erhielten sie die wichtigsten Katechesen. Eine davon war das Evangelium von heute. Sie sollten zur Zusage Jesu stehen: „Ich bin die Auferstehung und das Leben.“ 

Dabei ist die Frage, ob Jesus den toten Lazarus ins irdische Leben zurück geholt hat, zweitrangig. Denn dann könnte man ja fragen: „Warum hat er nicht alle Menschen auferweckt?“ Dem Evangelisten Johannes geht es nicht darum, was Jesus tun kann, sondern darum, wer er ist. Deshalb spricht er auch nicht von Wundern, sondern von Zeichen. An ihnen zeigt sich: Jesus ist Gottes Sohn.

Das siebte Zeichen ist das an Lazarus. Man kann es symbolisch deuten: Jesus ruft den Menschen hier und jetzt aus dem Grab seiner Hoffnungslosigkeit heraus. Es geht um Auferstehung im Leben. Der Name Lazarus sagt das. Lazarus heißt „Gott hilft.“ 

Darauf vertrauen Marta und Maria. Sie begrüßen Jesus mit den Worten „Herr, wärest du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben.“ Das ist kein Vorwurf, sondern ein Vertrauensbeweis. Beide reden Jesus an mit „Herr“. Damit ist in der Bibel immer Gott gemeint. Sie erkennen: In Jesus ist Gott selbst am Werk. 

Ihm begegnen Marta, Maria, Lazarus und die Menge der Leute auf unterschiedliche Weise:

Marta beginnt ein theologisches Gespräch und erweitert ihr religiöses Wissen. Marta begegnet Jesus mit dem Kopf.

Maria weint. Sie zeigt Jesus einfach, was sie fühlt. Sie begegnet ihm mit dem Herzen.

Lazarus lässt sich herausrufen und auf die Füße stellen. Er begegnet Jesus, indem er an sich geschehen lässt.

Und die Menge, die dabei ist, befreit Lazarus von seinen Binden. Sie begegnen Jesus, indem sie tun, was er sagt.

Alle vier glauben auf unterschiedliche Weise. Alles gehört zum Glauben: Das Hirn, das Herz, das Geschehen lassen und das Tun.

Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied: Bei Marta, Maria und Lazarus beruht der Glaube auf ihrer Beziehung zu Jesus. Auf Freundschaft und Vertrauen. Die Menge dagegen glaubt durch das Zeichen, das Jesus an Lazarus tut.

Im Glauben an Zeichen steckt Sensationslust. Weil die Menge die Sensation weitererzählt, beschließen die Religionsführer, ihren Konkurrenten Jesus zu töten. Zeichengläubigkeit tötet den Glauben. Tragen wird nur die Beziehung. Es kommt drauf an, wer der andere für einen ist.

Deshalb berichtet Johannes nicht nur von sieben Zeichen Jesu, sondern auch von sieben Ich-Bin-Worten. Heute sagt Jesus von sich: „Ich bin die Auferstehung und das Leben.“ „Ich bin.“ Das erinnert an den Befreier-Gott Israels – an den „Ich-bin-der-ich-bin-da.“

Er hat das Volk Israel aus der Gefangenschaft in Ägypten befreit und später auch aus Babylon. In der ersten Lesung spricht der Prophet Ezechiel Mut zu. Fern der Heimat, fern vom Tempel, deprimiert und mutlos hat das Volk seinen Gott vergessen. Es ist verdorrt wie tote Knochen. Ezechiel ermutigt sie, das Vertrauen in den „Ich-bin-da“ nicht aufzugeben. Er befreit und lässt aufleben. Die Menschen der Bibel erfahren immer wieder, dass Gott für sie da ist. Zuletzt in seinem Sohn Jesus Christus.

Jesus steht zu seiner Zusage: „Ich bin die Auferstehung und das Leben.“ Ich bin der, der dich herausholt aus Trauer, Angst, Erstarrung und Tod. Bei mir wirst du aufleben. Wenn du dich an mich hältst, werden all deine Verletzungen geheilt, deine Begrenzungen geweitet, Trennungen überwunden und deine tiefste Sehnsucht erfüllt. In mir findest du das wahre Leben. „Glaubst du das?“ Marta steht dazu: „Ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll.“

Liebe Gemeinde, in zwei Wochen ist Ostern. Dann erneuern wir unser Taufbekenntnis. Die Zeit bis dahin können wir geistlich nutzen und unsere Beziehung zu Jesus klären: Glaube ich, dass mir in ihm Gott begegnet? Vertraue ich ihm? Vertraue ich ihm sogar mein Leben an? Stehe ich zu seiner Zusage: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben.“

Eine geistliche Übung kann es sein, sich konkret vorzustellen: Jesus steht vor mir, so wie er vor Marta steht. Und er fragt mich persönlich, wie er Marta fragt: „Glaubst du das?“

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