9.9 Hoffnungstrotzig sein durch Resignation


Predigt Christkönig C – 22./23.11.2025

Kol 1, 12-20 – Lk 23, 35b-43

Liebe Gemeinde,

Fachleute warnen: es ist fünf vor zwölf. Fünf vor zwölf für das Klima, die Demokratie, den Friede und auch für die Kirche ist es fünf vor zwölf.

Andere sagen: Es ist längst fünf nach zwölf. Der Klimawandel ist unausweichlich. Rechte Hetze hat die Gesellschaft längst vergiftet. Zoll- und Handelskriege, Sabotage, Spionage, Hackerangriffe – das alles ist Tagesordnung. Und Gott spielt im Leben vieler Menschen gar keine Rolle mehr. Es ist viel zu spät. Fünf nach zwölf. Da können wir nichts mehr machen. Unsere Macht ist am Ende. Man kann nur noch resignieren. ---

Doch ich will den Kopf nicht in den Sand stecken. Ich will hoffnungstrotzig sein. Trotz allem hoffen.   ---   Ist das naiv?  ---   Vielleicht sollten wir als Christen besser sagen: Wir hoffen nicht trotz Resignation, wir hoffen, durch Resignation. Sie ist Voraussetzung für unsere Hoffnung. Resignieren bedeutet: Ich erkenne an, dass meine eigene Macht zu Ende ist. Mir bleibt nur noch, mich zu ergeben. 

Die Frage ist, wem ergebe ich mich? Für die Ukraine heißt Ergebung Untergang. Wenn sich Süchtige dem Alkohol ergeben, gehen sie zugrunde. Wer sich unrealistischen Idealen ergibt, wird krank. Doch wenn ich mich in gute Hände gebe, kann ich leben. Die Bibeltexte heute laden ein, sich Gott zu ergeben. Anerkennen, dass die eigene Macht Grenzen hat. Sich Gott überlassen. 

Eindrücklich bezeugt das der Verbrecher neben Jesus am Kreuz. Er erkennt seine Schuld und auch, dass er davon nichts mehr ungeschehen oder wieder gut machen kann. Das menschliche Urteil ist längst vollstreckt. Ein qualvoller Tod erwartet ihn. Daran kann er nichts mehr ändern. Seine Macht ist am Ende. Sein Leben verwirkt. Trotzdem hofft er auf Jesus: „Denk an mich, wenn du in dein Reich kommst.“ In einer anderen Bibelübersetzung heißt es: „Denk an mich, wenn du in deiner Macht als König kommst.“ 

Die anderen verhöhnen Jesus als König der Juden, er vertraut sich ihm an. Der Verbrecher erkennt, dass die Königs-Macht Jesu keine weltliche Macht ist. Der, der neben ihm hängt am Kreuz, steht mit Gott im Bunde. Auch wenn nichts danach aussieht. Doch ihm vertraut der Verbrecher sein Leben an. Dabei hatte Jesus ja selbst mit sich gerungen. Hatte Angst im Garten Getsemani. Doch dann wandelt sich was in ihm. Jesus betet: „Nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe.“ Er resigniert gegenüber der Macht der Soldaten und ergibt sich bedingungslos dem Willen Gottes. Denn er weiß: Gott will das Leben. 

Der Verbrecher erkennt, dass Jesus mit Gott im Bunde steht. In ihm erkennt er die Liebe Gottes am Werk. Und er vertraut, dass die Macht der Liebe so groß ist, dass sie selbst einen Verbrecher nicht fallen lässt. In seiner Todesstunde hofft er trotz allem.

Sich Jesus ergeben. Denn er steht mit Gott im Bunde. Das bekennt auch der alte christliche Hymnus im Kolosserbrief: „Jesus ist das Bild des unsichtbaren Gottes.“ [Also: In ihm berühren sich Himmel und Erde.]

Im Großen Glaubensbekenntnis bekennen wir seit 1700 Jahren: „Jesus ist eines Wesens mit dem Vater.“ Flapsig könnte man sagen: „Zwischen den Schöpfergott und Jesus Christus passt kein Blatt Papier.“ Sie sind ein göttliches Wesen, das die Welt ursprünglich gut geschaffen hat. 

Und ich glaube, da geht es Gott genauso wie uns Menschen: Wer etwas schafft, wer etwas baut, sorgt dafür, dass es nicht verkommt. Gottes Liebe, die in Jesus Hand und Fuß bekommt, lässt die Welt, lässt uns Menschen am Ende nicht untergehen. Auf ihn dürfen wir hoffen – trotz allem.  

Die Hoffnung begraben können wir allerdings, wenn wir uns falschen Mächten anvertrauen. Davor warnt der Brief an die Kolosser. In der Nähe von Kolossä hatte es ein Erdbeben gegeben. Die Menschen hatten Angst davor, dass die ganze Welt zusammenbricht. So fingen sie an, die Elemente der Welt – also Wasser, Erde, Luft und Feuer – und auch die Sterne und Engel wie Götter zu verehren. Ihnen sprachen sie Macht zu. Doch eigentlich hatten sie Angst vor ihnen.  

Die Christen in Kolossä ließen sich davon beeinflussen. Sie vermischten den Glauben an Christus mit dem der übrigen Bevölkerung. Angst gewann Oberhand – die „Macht der Finsternis“Doch daraus hat Gott die Menschen „entrissen“. Christus steht über den Elementen der Welt. Seine Macht ist größer. Darum sollen Christen ihn an oberster Stelle stellen. Ihm sollen sie sich ergeben. Dann können Sie hoffnungstrotzig sein.

Vielleicht ist es eine gute geistliche Übung, wenn wir uns immer wieder mal fragen:

Wem oder was gebe ich Macht über mein Leben?

Vor welchen Mächten und Gewalten resigniere ich?

Ist es die Meinung der Leute? Erliege ich Verschwörungstheorien? Lasse ich mir von Influencern auf Instagram gefakte Bilder vorgaukeln? Bin ich abhängig von Likes und Hasskommentaren? Meine ich, alles 150-prozentig machen zu müssen? Funktioniere ich bis zu völligen Erschöpfung?

Erst wenn ich anerkenne, dass meine Kraft und meine Begabung Grenzen haben, mache ich mich nicht selbst zum Gott. Erst wenn ich resigniere statt mir falsche Götter zu suchen, kann ich hoffnungstrotzig sein. Also erst wenn Christus an erster Stelle steht. 

Das gilt für den einzelnen Christen, das gilt für die gesamte Kirche. Ich frage mich oft: setzen wir im Bistum, setzen wir in den Gemeinden nicht viel zu oft auf menschliche Kraft statt auf Jesus Christus? --- Das Bistum setzt auf Organisationsberatung, Strukturveränderung und digitale Optimierung. Vor Ort fragt man sich oft: „Wie können wir die Leute für unsere Gemeinde begeistern?“

Das alles ist gut und wichtig. Doch ich habe in fast 25 Jahren im kirchlichen Dienst noch keinen Pfarreirat oder Kirchenvorstand kennen gelernt, der sich die Frage stellt: „Wie können wir die Menschen für Christus begeistern?“  

Jede Sitzung beginnt zwar mit einem geistlichen Impuls. Doch der kommt auch mal ohne Gott aus. Und wenn doch, dann ist der mit dem ersten Tagesordnungspunkt abgehakt. Alles weitere scheint nicht mehr von ihm inspiriert. In Seelsorgeteams gibt’s das auch. Es menschelt überall.  

Vielleicht sollten wir besser regelmäßig den Christushymnus aus dem Kolosserbrief gemeinsam beten. Da heißt es: „Christus ist das Haupt, der Leib aber ist die Kirche.“ Vielleicht wandert es irgendwann vom Mund ins Hirn und von dort ins Herz und in die Hand.  

Vielleicht hilft uns der Hymnus, hoffnungstrotzig zu werden. Dass wir vor unserer eigenen Macht resignieren und Christus an erster Stelle setzen. Uns ihm ergeben. 

Denn Christus, das Bild des unsichtbaren Gottes, ist unser Haupt. Ohne ihn rennen wir kopflos in den Untergang. Doch mit ihm geht’s ins Leben. In ihm hat alles Bestand.  

Hoffen trotz oder gerade durch Resignation. Also: Lasst uns hoffnungstrotzig sein.

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